Erinnerung teilen

Biografien, Differenz und Zugehörigkeit in der Migrationsgesellschaft – eine Kooperation von Universität und DAM

 

Wie erzählen Menschen von ihrem Leben, vom Aufbrechen, Ankommen und Weitergehen, von Zugehörigkeit und Ausgrenzung, von Möglichkeiten und Grenzen oder von ihrer Arbeit im Zusammenhang mit Migration und Flucht? Mit solchen Fragen haben sich Studierende des Masterstudiums Gender, Kultur und Sozialer Wandel im Seminar “Intersektionalität und Machtverhältnisse: Biografien, Differenz und Zugehörigkeit in der Migrationsgesellschaft” unter der Leitung von Flavia Guerrini beschäftigt. Die Lehrveranstaltung fand im Sommersemester 2026 in Kooperation mit dem Dokumentationsarchiv Migration Tirol (DAM) statt. Im Mittelpunkt standen biografische Interviews aus dem Archiv, in denen Menschen über ihre Erfahrungen, Erinnerungen und Lebenswege erzählen.

Die Studierenden haben ausgewählte Interviews gemeinsam gelesen, diskutiert und aus intersektionaler Perspektive bearbeitet. Entstanden sind kurze Texte, die einzelne Themen aus den Interviews aufgreifen und in größere gesellschaftliche Zusammenhänge einordnen: etwa Bildung, Arbeit, Familie, Sprache, Anerkennung, Diskriminierung oder Staatsbürgerschaft. Oder wie es ein*e Teilnehmer*in am Ende des Semesters reflektiert:

„Die Arbeit mit dem Interview hat mir gezeigt, wie komplex und vielschichtig Lebensgeschichten sind. Durch das dichte Lesen der Interviews wurde deutlich, dass auch scheinbar alltägliche Erzählungen Hinweise auf Machtverhältnisse, Anerkennung, Diskriminierung oder Privilegierung enthalten.“

Genau das machen die auf dieser Website versammelten Beiträge der Studierenden sichtbar: nämlich, wie persönliche Geschichten mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen verbunden sind und wie vielfältig Erfahrungen von Migration und sozialer Ungleichheit, von Zugehörigkeit und Heimat in Tirol sind und erzählt werden.

„Wissenschaftliche Erkenntnisse sollten in die Gesellschaft zurückgetragen werden.“

- Rückblicke und Erfahrungen der Studierenden


Wenn klassische Lehrveranstaltungsformate aufgebrochen und neu arrangiert werden, dann betreten alle Beteiligten – Lehrveranstaltungsleitung, Studierende und Kooperationspartner – Neuland. Wie erlebten die Seminarteilnehmer*innen die Zusammenarbeit mit dem Dokumentationsarchiv Migration Tirol und welche Herausforderungen und vor allem welche Erkenntnismöglichkeiten ergaben sich für sie? Die Rückmeldungen am Ende des Semesters zeigen, dass für viele Studierende die Lehrveranstaltung besonders war, weil sie den Seminarraum öffnete: hin zu einem Archiv, zu konkretem Material und zu Lebensgeschichten, die nicht eigens für eine Übung im Studium entstanden sind. Eine Rückmeldung bringt das auf den Punkt:

„Das Beste an der Lehrveranstaltung war, dass wir tatsächlich in die reale Welt hinausgegangen sind und uns mit echten Menschen und echten Problemen auseinandergesetzt haben.“

Der Besuch beim Dokumentationsarchiv Migration Tirol machte sichtbar, dass Erinnerungen, Erfahrungen und Erzählungen von Migration als Teil der allgemeinen Geschichte der Region gesammelt, bewahrt, geordnet und vermittelt werden müssen. Gerade die Erfahrungen marginalisierter Bevölkerungsgruppen sind nämlich häufig in klassischen Archiven und der dominanten Geschichtsschreibung unterrepräsentiert. Durch die Kooperation mit dem DAM entstand die Einsicht, dass es Orte gibt, die Migration in Tirol dokumentieren und als Teil der gesellschaftlichen Geschichte ernst nehmen und dass diese jedoch häufig unter Bedingungen von Ressourcenknappheit arbeiten (müssen):

„Ich fand es sehr interessant wieviel Arbeit im DAM von einer Person hauptsächlich durchgeführt wird. Und wie sie mit sehr wenig verfügbaren Arbeitskräften schon so ein großes Archiv aufgebaut haben. Ich nehme mit, dass es keine Geschichte gibt, die es nicht wert ist gehört und aufbewahrt zu werden. Mich hat danach noch beschäftigt welche Bedeutung das Archiv für die Interviewten hat. Ich hoffe es hat ihnen ein Gefühl der Wichtigkeit gegeben und das ihre Geschichten ein relevanter Teil Österreichischer Geschichtsschreibung sind.“

Auch die Arbeit mit den Interviews eröffnete neue Perspektiven. Die Studierenden mussten keine eigenen Interviews führen, sondern konnten sich ganz auf das genaue Lesen, Hören, Vergleichen und Interpretieren konzentrieren. Dabei wurde deutlich, wie vielschichtig biografische Erzählungen sind – und wie vorsichtig man mit ihnen umgehen muss. Mehrere Studierende beschrieben als wichtige Erkenntnis, dass scheinbar alltägliche Erzählungen Hinweise auf Machtverhältnisse, Anerkennung, Diskriminierung oder Privilegierung enthalten können. Zugleich war herausfordernd, nicht zu schnell zu interpretieren, die eigene Position mitzudenken und den interviewten Personen „nichts überzustülpen“.

Als besonders produktiv beschrieben einige Studierende dabei die Verbindung von theoretischer Arbeit und konkretem Material. Begriffe wie Intersektionalität, Othering, Zugehörigkeit oder Privilegierung blieben nicht abstrakt, sondern wurden an einzelnen Passagen überprüft, befragt und weitergedacht. Ein*e Student*in formulierte als Erkenntnis, dass „erst das Konzept der Intersektionalität wirklich sichtbar macht, wie verschiedene Ungleichheitsverhältnisse […] zusammenwirken“. Neu war für viele auch die Aufgabe, diese Analysen nicht nur wissenschaftlich zu erarbeiten, sondern für ein breiteres Publikum aufzubereiten:

„Die Lehrveranstaltung fand ich sehr anregend in Bezug auf theoretische Fragestellungen und insbesondere mit Fokus auf das Verfassen eines nicht-wissenschaftlichen Textes. Eine komplexe Fragestellung und deren Beantwortung für ein breites Publikum aufzubereiten und dabei aber nicht total runterzubrechen, finde ich zwar herausfordernd, aber eine tolle und auch wichtige Arbeit. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollten schon in die Gesellschaft zurückgetragen werden.“


Die Kooperation aus Sicht des Archivs


Als kleines Archiv muss das DAM erfinderisch sein, wenn es darum geht, andere Perspektiven und Erfahrungen einzuholen, sich Unterstützung zu organisieren oder die eigene Praxis zu reflektieren. Die Kooperation mit diesem Seminar des Masterstudiums Gender, Kultur und sozialer Wandel bot eine hervorragende Gelegenheit dazu!

Für das Archiv war vor allem die Frage interessant, wie sich die Weiternutzung von narrativen Interviews aus dem DAM-Bestand in der Praxis verbessern lässt. Dass die Studierenden das DAM zudem dabei unterstützten, Interviews für die Veröffentlichung im Online-Archiv vorzubereiten, war ein zusätzlicher Pluspunkt und eine große Hilfe! 

Für das DAM standen folgende Fragen im Zentrum:
- Was passiert mit einer so sensiblen Materie wie narrativen Interviews, nachdem sie archiviert und zur Nutzung freigegeben wurden? 
- Was kann veröffentlicht werden, was nicht? 
- Was benötigen Nutzer:innen, um mündliche Erzählungen von unbekannten Personen einordnen und als Quelle nutzen zu können? 
- Wie kann ein sensibler Umgang mit Interviewdaten von Archivseite sichergestellt oder zumindest gefördert werden? 

Der Austausch mit den Studierenden war hierfür sehr inspirierend. Insbesondere wurde deutlich, dass die intensive Nachbearbeitung von Interviews ein unverzichtbarer Schritt ist, um die Rechte der Interviewpartner:innen zu wahren. Zentral ist insbesondere die Dokumentation der Interviewsituation und des Entstehungszusammenhangs des Interviews. Gleichzeitig müssen nicht alle vorhandenen Informationen öffentlich gemacht werden. Was ist für die Kontextualisierung relevant? Was bleibt lieber archivintern? Im Seminar wurde auch die Frage diskutiert, wie weit ein Interview anonymisiert werden muss bzw. kann. Die genaue Durchsicht des Transkripts und die Auswahl von Passagen, die gesperrt werden sollen, ist ein weiterer Schritt. 

In diesem Zusammenhang war der sensible Umgang der Studierenden mit den Interviews sehr beeindruckend. Da sie die Interviews nicht selbst geführt hatten, gingen sie besonders sorgsam mit dem Material, ihren eigenen Interpretationen und Zuschreibungen an das Erzählte um. Dieser Austausch im sicheren Rahmen eines Uni-Seminars hat für das Archiv viel zur Weiterentwicklung der Archivpraxis beigetragen. 

Danke dafür!

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